Aktives Zuhören im offenen Ganztag
Artikel erschienen in: UNSER GANZTAG - Pädagogik mit Kindern im Grundschulalter 3/26
„Ich habe nichts gemacht!“
Ben verschränkt die Arme vor der Brust und schaut auf den Boden. Neben ihm steht ein Kind mit Tränen in den Augen. Auf dem Schulhof hat es einen Streit gegeben.

In solchen Situationen haben pädagogische Fachkräfte zwei Möglichkeiten: Sie können sofort klären, wer Schuld hat. Oder sie können zunächst versuchen zu verstehen, was hinter dem Verhalten steckt, indem sie aktiv zuhören.
Im Anschluss an meine Seminare zur Gewaltfreien Kommunikation höre ich oft, wie sehr sich Konflikte verändern, wenn Kinder das Gefühl bekommen, wirklich gehört zu werden. Nicht bewertet, nicht belehrt, sondern verstanden.
Wertschätzende Kommunikation beginnt mit der eigenen Haltung
Wertschätzung beginnt nicht bei anderen. Sie wächst in uns selbst. Wer das eigene Kommunikationsverhalten reflektiert, hat bereits den ersten Schritt getan. Denn wertschätzende Kommunikation bedeutet nicht, immer die richtigen Worte zu finden. Es geht vielmehr darum, mit welcher Haltung wir einander begegnen.
Bin ich neugierig auf das, was hinter dem Verhalten steckt? Oder habe ich bereits entschieden, wer Recht hat und wer falsch liegt?
Im hektischen Ganztagsalltag bleibt für diese Fragen oft wenig Zeit. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder bewusst zu machen: Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis.
Kinder möchten dazugehören. Sie möchten gesehen werden. Sie wünschen sich Sicherheit, Mitbestimmung oder Unterstützung. Wenn wir versuchen, diese Wünsche wahrzunehmen, verändert sich unsere Kommunikation automatisch. Statt nach Schuld zu suchen, richten wir unseren Blick auf das, was ein Kind gerade bewegt. So helfen wir ihm, sich selbst besser zu verstehen und passende Handlungsalternativen zu entwickeln. Mit der Zeit entsteht Vertrauen. Und wo Vertrauen wächst, wird Kooperation oft erstaunlich leicht.
Aktives Zuhören ist eine der wichtigsten Grundlagen wertschätzender Kommunikation. Es bedeutet, nicht nur die Worte eines Kindes wahrzunehmen, sondern auch die Gefühle und Bedürfnisse dahinter.
Verstehen statt reagieren
Im Alltag hören wir oft nur zu, um zu antworten. Beim aktiven Zuhören wollen wir verstehen. Das klingt einfach, ist aber anspruchsvoll. Denn dafür müssen wir eigene Gedanken, Bewertungen und Lösungsvorschläge für einen Moment zurückstellen.
Wenn ein Kind wütend ist, müssen wir sein Schreien nicht gutheißen. Wenn ein Kind jemanden verletzt hat, müssen wir sein Verhalten nicht entschuldigen. Aktives Zuhören bedeutet nicht, alles in Ordnung zu finden. Es bedeutet lediglich, Gefühle und Bedürfnisse nicht zu bewerten.
Kinder spüren sehr genau, ob jemand wirklich verstehen möchte oder bereits innerlich argumentiert. Wer sich verstanden fühlt, ist deutlich eher bereit zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Konflikte im Ganztag
Im Alltag werden pädagogische Fachkräfte an vielen Stellen gleichzeitig gebraucht. Konflikte auf dem Schulhof, Fragen bei den Hausaufgaben, Streit um Materialien oder die Organisation des Nachmittags – oft bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Gerade deshalb beginnt aktives Zuhören mit einem kleinen Schritt: beobachten statt bewerten.
Was sehe ich tatsächlich, und was interpretiere ich bereits?
Diese Unterscheidung kann den Verlauf eines Gesprächs grundlegend verändern.
Tom und das Piratenschwert
Tom rennt mit einem langen Ast über den Schulhof.

Sofort tauchen Bilder im Kopf auf: Das könnte ins Auge gehen. Jemand könnte sich verletzen. Der Ast muss weg.
Viele Erwachsene würden jetzt direkt eingreifen: „Tom, leg den Stock sofort weg!“
Doch solange keine akute Gefahr droht, geht es auch anders: „Wow, du hast ja einen riesigen Ast gefunden. Was spielst du denn damit?“
Tom strahlt.
„Ich bin Pirat. Das ist mein Schwert!“
Plötzlich wird sichtbar, was Tom beschäftigt. Er möchte Abenteuer erleben, seiner Fantasie folgen und stolz seinen Fund präsentieren. Erst jetzt folgt die Grenze: „Ich verstehe, dass du den Stock gern behalten möchtest. Gleichzeitig möchte ich verhindern, dass sich jemand verletzt.“
Tom nickt.
„Hast du eine Idee, wie du deinen Schatz behalten kannst und trotzdem niemand in Gefahr gerät?“
Aus einem Machtkampf wird eine gemeinsame Suche nach Lösungen.
Vielleicht wird der Stock kleingebrochen und aus dem Schwert entsteht ein Fernrohr. Vielleicht wird der Ast bis zum Nachmittag beim Hausmeister aufbewahrt. Vielleicht findet Tom selbst eine andere Idee. Entscheidend ist: Tom erlebt, dass seine Bedürfnisse gesehen werden, bevor über Regeln gesprochen wird.
Lina sucht Konzentration

Lina sitzt an ihrem Tisch. Zumindest theoretisch. Denn alle paar Minuten steht sie auf, schaut durch den Raum, summt vor sich hin oder fragt andere Kinder nach Stiften. Die Hausaufgaben kommen kaum voran. Andere Kinder fühlen sich gestört.
Auf den ersten Blick scheint klar zu sein, was das Problem ist: Lina kann sich nicht konzentrieren. Statt Lina ständig zu ermahnen, setzt sich die Fachkraft ein paar Minuten zu ihr und fragt: „Sag mal, Lina, magst du mal mit mir schauen, was wir verändern können, damit du und alle anderen hier gut lernen können? Ich schätze, etwas lenkt dich hier ab. Kannst du mir mal alles sagen, was du hier siehst und hörst?“
Gemeinsam beginnen sie zu beobachten.
Welche Dinge liegen auf dem Tisch?
Was passiert im Raum?
Welche Geräusche nimmt Lina wahr?
Welche Gedanken gehen ihr durch den Kopf?
Nach und nach zeigt sich: Lina reagiert sehr stark auf Reize in ihrer Umgebung. Jedes Gespräch, jede Bewegung und jedes Geräusch zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Nun können gemeinsam Lösungen ausprobiert werden. Vielleicht hilft ein ruhigerer Platz. Vielleicht sitzt Lina lieber mit Blick zur Wand. Vielleicht reichen schon Kopfhörer.
Entscheidend ist: Nicht die Fachkraft muss die Lösung finden. Viel hilfreicher ist es, gemeinsam mit dem Kind auf Entdeckungsreise zu gehen. Denn Kinder arbeiten oft deutlich motivierter an Lösungen mit, die sie selbst mitentwickelt haben.
Aktives Zuhören kann man trainieren
Aktives Zuhören ist weniger eine Technik, es ist vielmehr eine Haltung, die mit der Zeit wächst. Eine einfache Aufgabe aus meinen Seminaren eignet sich dennoch hervorragend zum Üben:
Jeweils zwei Personen setzen sich zusammen. Eine Person spricht zwei Minuten lang über ein beliebiges Thema. Die andere Person hört ausschließlich zu. Keine Ratschläge. Keine eigenen Geschichten. Keine Bewertungen.
Die einzige Aufgabe lautet: Verstehen wollen.
Dabei hilft die Frage: „Wie könnte sich mein Gegenüber gerade fühlen? Und was könnte ihm oder ihr wichtig sein?“
Anschließend wird gewechselt.
Viele Teilnehmende berichten, wie ungewohnt diese Erfahrung zunächst ist. Gleichzeitig erleben sie, wie wohltuend es sein kann, einmal nicht unterbrochen zu werden.
Später können Fragen hinzukommen:
„Habe ich dich richtig verstanden?“
„War dir dabei besonders wichtig, dass…?“
„Wie fühlst du dich?“
So entsteht Schritt für Schritt eine Gesprächskultur, in der Menschen sich gesehen fühlen. Und genau das wünschen sich nicht nur Erwachsene. Auch Kinder möchten erleben, dass ihre Gefühle zählen, ihre Sichtweise verstanden wird und ihre Bedürfnisse wichtig sind.
Vielleicht ist das die größte Wirkung aktiven Zuhörens: Kinder lernen durch unser Vorbild, wie echte Verbindung entsteht.


Kommentare